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August 2010

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Noch sprießt das Grün in der Natur und macht es vielen Kaninchenhaltern leicht, den Mümmelmännern frische Kost zu besorgen. Da bietet sich doch an Andreas Rühle und Kaninchen-würden-Wiese-kaufen zum Interview einzuladen:

Andreas, warum würden denn Kaninchen Wiese kaufen wollen? 
Weil es ihr natürlicher Lebensraum ist und dort die Nahrung wächst, die sie normalerweise fressen würden, wenn man sie ließe. Ihr Organismus ist darauf spezialisiert, nährstoff- und wasserreiche Pflanzen zu verdauen, die möglichst arm an Zellulose (Rohfaser) sind. Frische Luft und natürliches Licht sind weitere Faktoren, die sie vor Krankheiten bewahren. Viele Empfehlungen zur Haltung und Ernährung von Kaninchen beruhen auf Missverständnissen, Fehlinterpretationen und der Bequemlichkeit von Haltern. Kein Kaninchen würde freiwillig in eine Wohnung ziehen und den ganzen Tage Heu und Gemüse fressen - wenn sie könnten, würden sie einfach ein Stück Wiese kaufen und es sich darauf gut gehen lassen.

Beschreibe was man unter „Wiesenfütterung“ versteht?
Man gehe auf eine Wiese mit verschiedenen Gräsern und Kräuter, die höchstens kniehoch gewachsen sind. Dort schneidet man mindestens so viel verschiedene Pflanzen, wie ein zu fütterndes Tier wiegt. Eine Hälfte der Gesamtmenge sollte aus Gräsern, die andere Hälfte aus verschiedenen Kräutern bestehen. Es reicht also nicht, den sorgsam gepflegten Rasen mit Zuchtgräsern anzubieten. Dazu gibt man gelegentlich Äste von z. B. Obstbäumen, Weide und Haselnuss. Es geht im Prinzip darum, Kaninchen mit einer solchen Menge und Vielfalt an Pflanzen zu versorgen, dass sie selbst entscheiden können, was und wie viel sie davon fressen möchten - das ist der Idealfall, in dem selbst das leckerste Trockenfutter liegengelassen wird. Zusätzlich ist hochwertiges Heu anzubieten - manche Tiere fressen gelegentlich auch ganz gern sonnengetrocknete Pflanzen, aus denen sie z. B. Vitamin D beziehen.

Es gibt deutlich mehr als Löwenzahn auf den Wiesen. Kannst Du erläutern, was man hier alles füttern darf?
So, wie die Frage gestellt ist, gibt es nur eine Antwort: Alles. Das ist provokant formuliert, aber Wildkaninchen leben ja auch nicht auf einem aufgeräumten, unkrautfreien Rasen. Um sicher zu gehen, sollte die gesamte Menge aus ca. 50% Gräsern bestehen. Mit denen kann man nichts falsch machen kann, denn es gibt keine giftigen - höchstens solche, die nicht gern gefressen werden. Der Rest kann z. B. Kräuter, Wildblumen und Wildgemüse beinhalten. Besonders die blättrigen Teile der Pflanzen werden bevorzugt, deshalb sollte dieser Anteil entsprechend hoch sein. Alle Kleesorten, Wegeriche, Flockenblumen, Schafgarbe, Labkraut, Disteln usw. sind gut als Nahrungspflanzen geeignet. Wenn man sie im Gemisch anbietet, besteht keine der Gefahren, vor denen beständig gewarnt wird. Wer die Mengen nicht zusammen bekommt, kann Wiese auch durch frische Kräuter wie Oregano, Basilikum, Rosmarin, Dill etc. ergänzen, die es in Märkten gibt.

Wie geht man beim Wiesenkräutersammeln am besten vor?
Indem man sich mit den Pflanzen vertraut macht, die gesammelt werden sollen. Man besorgt sich Körbe, die nicht luftdicht schließen oder Stoffbeutel, dazu ein passendes Schneidegerät - da reicht auch eine einfache, robuste Schere. Schließlich informiert man sich über Plätze, die relativ abseits stark befahrener Straßen liegen sollten. Ein Abstand von 10 Metern zur Straße reicht. Außerdem empfiehlt es sich, die Nähe von Fabriken, Kläranlagen, Schutthalden, Deponien oder ähnlichen Endlagerstätten menschlicher Zivilisation zu meiden. Die Eigentumsverhältnisse müssen klar sein - kein Bauer mag es, wenn man ungefragt seine Wiese absenst. Wird ihm aber erklärt, warum man ein paar Pflanzen schneiden möchte, ohne die ganze Wiese niederzutrampeln, habe ich noch niemanden erlebt, der abgelehnt hätte. Die Stellen, an denen das Grüne geschnitten wird, sollten zum Zeitpunkt des Sammelns im Schatten liegen. 

 


Sollte man immer frisch sammeln oder hast du einen Tipp wie man das Gesammelte lagern könnte?
Wir sammeln jeden Abend frisches Grün von verschiedenen Wiesen, welches wir dann an verschiedenen Stellen anbieten und das bis zum nächsten Abend liegen bleibt. Ein Teil davon wird getrocknet. Wir beobachten oft Tiere, die ganz gezielt auch altes Grün fressen, welches schon 2 - 3 Tage herum liegt. Manche Pflanzen werden erst interessant, wenn sie angewelkt sind. Dazu gehören zum Beispiel Brennnesseln oder Beinwell. Grundsätzlich lagern wir das gesammelte Grün im Schatten auf Gestellen, die mit engmaschigem Draht bespannt sind. Die haben zum Boden einen Abstand von etwa 10 Zentimetern. Somit liegen die Pflanzen locker und luftig und die Gefahr der Gärung ist ausgeschlossen. Das Prinzip wird auch zur Trocknung von Gras genutzt. Wie man es auch immer anstellt: wird das Sammelgut in einem Haufen gelagert, darf der sich innen nicht zu stark erwärmen. Das könnte Gärprozesse im Grün starten, die wiederum zu Trommelsucht/Blähbauch führen. Wir haben für uns die Gestelle so gebaut, dass man außerdem mit ihnen frisches Grün für den Winter trocknen kann.

  

Es gibt ja auch Wintermonate. Wie kann man diese Zeit überbrücken, solange keine frische Wiese wächst?
Einen langen Winter gibt es eigentlich nur für Wohnungskaninchen. Hauskaninchen mit großem Auslauf finden auch im Winter noch genügend frisches Grün. Kritisch wird es nur bei hoher Schneedecke und langen Frostperioden, ansonsten sind die Winter in unseren Breiten kein Problem für die Tiere. Eine gewisse Zeit mit karger Kost übersteht ein Kaninchen relativ problemlos mit Hilfe des Blinddarmkotes und wenn es das ganze Jahr Zeit hatte, Depots zu füllen. Unsere eigenen Tiere sind auch im Winter auf der Wiese, zusätzlich bekommen sie frische Kräuter aus dem Markt und viel Grünes vom Gemüse. Außerdem erhalten sie ein Trockenfutter aus natürlichen Komponenten. Nichts davon wird rationiert, es steht also immer alles in ausreichenden Mengen zur Verfügung. 

 


Fütterung und Gesundheit, da kann man ja doch viel falsch machen. Wie sind hier Deine Erfahrungen in positivem Sinne. Sprich was hast Du vielleicht bei Dir oder im Rahmen von Kontakten zu anderen Haltern erlebt, wie sich die Tiere plötzlich mit der richtigen Ernährung verändert haben und Krankheiten der Vergangenheit angehörten?
Ich erhalte regelmäßig Nachrichten von Haltern, die Rat suchen oder die bestimmte Dinge noch einmal erklärt haben möchten, weil sie unsicher sind. Einige tragen auch konkrete Krankheitsgeschichten vor. Die Beschreibung der Umstände lassen den Grund der Erkrankung schnell deutlich werden. Vielen Haltern kann man dabei noch nicht einmal die Schuld geben, weil sie sich informiert haben - in Kaninchenforen und auf dubiosen Beratungsseiten. Im Geist sehe ich dann die Tiere vor mir, die verzweifelt nach den Nährstoffen im Futter suchen und zu wenig fressen, weil alles furchtbar trocken ist und mehr Ballaststoffe enthält, als selbst ein Mensch auf Dauer vertragen könnte. Die Besserung tritt meist recht schnell ein und wenn der Halter durchhält, ist sie auch dauerhaft. Die Freude der Halter ist dann oft unbeschreiblich, dabei lag es ja an ihnen: sie selbst haben etwas geändert. Und ich sehe dann Tiere vor mir, die nicht mehr gestresst sind und das haben, was sie wirklich brauchen. Was will man mehr?

Konkret habe ich gerade drei "Zahnfälle", die durch die Umstellung auf natürliche Nahrung deutlich besser geworden sind. Hier greift das Eine in das Andere: durch die richtige Ernährung bessert sich der Zustand der Zähne, das Tier muss seltener bis gar nicht mehr zum Arzt, was ihm viel Stress erspart. Dadurch wird es insgesamt kräftiger und der allgemeine Zustand trägt dazu bei, dass die Tiere wieder normal fressen.

Besteht Deiner Meinung nach eine Gefahr, dass ein Halter wirklich etwas Giftiges auf einer Wiese für seine Kaninchen pflückt?
Natürlich besteht die Möglichkeit, etwas Giftiges zu pflücken. Ob es aber eine Gefahr darstellt, hängt aber von den Begleitumständen ab.

1. Die meisten Vergiftungsfälle bei Haustieren treten nur deshalb auf, weil die Tiere Hunger hatten und es nichts anderes Fressbares gab. Das Problem ist also eigentlich nicht die Giftpflanze, sondern die rationierte Fütterung. Kein Tier frisst unter normalen Umständen freiwillig Giftpflanzen in so großer Menge, dass es daran stirbt.

2. Neben der Menge spielt natürlich auch die Auswahl eine Rolle: Wer 1kg Schierling und 10g Gras verfüttert, darf zuverlässig davon ausgehen, das sich das Tier durch den Schierling vergiften wird, obwohl er entsetzlich stinkt und schmeckt. Dreht man das Verhältnis um, bleibt der Schierling liegen bzw. es werden nur geringe Mengen davon gefressen. Abgesehen davon wurde der Schierling bei Wildkaninchen bereits als Fraßpflanze festgestellt.

3. Gifte wirken auf Tierarten unterschiedlich - was ein Pferd umbringt, muss ein Kaninchen noch lange nicht töten. Manche "Giftpflanzen" frisst das Kaninchen nachweislich bewusst und ohne Zwang. Einige Substanzen eleminieren nämlich z. B. Würmer oder andere Parasiten.

4. Dem Hauskaninchen wird oft die Fähigkeit zum Selektieren bzw. dem Erkennen von Giftpflanzen abgesprochen. Dazu ein Beispiel: Kaninchen können das Vorhandensein bestimmter Aminosäuren im Futter registrieren und die Aufnahme entsprechen regeln. Diese unglaubliche Fähigkeit wurde an Laborkaninchen nachgewiesen. Diese entstammen meist Generationen von Zuchttieren, die nie in ihrem Leben die Sonne geschweige denn einen grünen Halm gesehen haben.

Wer also zum Beispiel "aus Versehen" seinen Tieren ein paar Blätter vom Schöllkraut gibt, muss nicht gleich den Notarzt aktivieren, sondern kann sich darüber freuen, dass sein Tier jetzt ein paar Kokzidien weniger beherbergt.

Die Behauptung, Heu wäre nicht das Grundnahrungsmittel für Kaninchen, was ja überall gepredigt wird, stößt doch sicher auf viel Kritik, oder? Wie gehst Du damit um?
Mittlerweile etwas gelassener als früher. Ein Grund ist, dass sich einige meiner Argumente herumsprechen und mancher Dogmatiker inzwischen einen schweren Stand hat. Es gibt nämlich immer noch keinen einzigen, zuverlässigen Nachweis einer Population wildlebender Kaninchen, die als Grundnahrung Heu fressen würde und sich dabei bester Gesundheit erfreut. Tatsächlich hatte ich eigentlich mit mehr Kritik gerechnet, aber letztendlich lassen sich nachweisbare Fakten eben schwer angreifen. Deshalb habe ich mir auch diese Mühe mit den Quellenangaben gemacht, was viele für übertrieben halten. Es ist mir wichtig, dass alle Argumente nachvollzogen werden können. Heute drehen sich Kritiken mehr um den Punkt, dass ich wenig Alternativen anbiete. Aber dass jede Alternative mit Nachteilen verbunden ist, denke ich mir ja nicht aus - es ist halt einfach so. Wer Alternativen anbietet, muss auch die Folgen in Kauf nehmen. Leider sind es die Tiere, die diese Folgen tragen.

Du hast Dein Wissen in das Buch „Kaninchen würden Wiese kaufen“ gepackt. Wie kam es zu dem Projekt?
Wir haben einige Zeit Kaninchen gezüchtet und wollten, dass künftige Halter unserer Tiere gut informiert sind. Dafür wollten wir ihnen ursprünglich ein paar Informationsseiten mit auf den Weg geben. Unsere Haltung und Ernährung der Tiere widerspricht aber vielen gängigen Klischees, so dass wir gezwungen waren, viel zu erklären. Als über 200 Seiten der Erklärungen fertig waren, dachten wir, es wäre sicher gut, wenn nicht nur die Halter unserer Tiere, sondern auch andere diese Informationen hätten. Als effektivste Methode erschien uns hier, sie als Buch zu veröffentlichen und zusätzlich die Webseite einzurichten. Aus Preisgründen wurden am Ende aber die Buchseiten auf 144 reduziert.

Ein Leben mit Kaninchen oder gibt es noch andere Tiere, die bei Dir/Euch leben?
Bei uns leben: Islandhund-Rüde "Ari", Beauceron-Hündin "Ami", die zwei Birma-Kater "Monty" und "Matou" sowie die Teddyzwergkaninchen "Thalia", "Jesse" und "Maddox". Die Kater sind Freigänger und die Kaninchen leben ganzjährig im Garten.

 

 

Andreas, bunny-in sagt herzlichen Dank für das Interview! 


Banner und Fotos wurden uns von Andreas Rühle zur Verfügung gestellt und unterliegen seinem Urheberrecht.

 

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