bunny-in stellt vor... Archiv

Juli/August 2009

bunny-in stellt vor... Archiv >>

Wer offen für alternative Therapiemöglichkeiten ist, der ist insbesondere als Kaninchenhalter sicherlich schon einmal über den Begriff der Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) gestolpert oder wendet das im Privatbereich sogar bewusst oder unbewusst an.

Professionell befasst sich mit dieser alternativen Therapieform die Tierheilpraktikerin Birte Wermann.

 


www.pferdekraeuterhexe.de
 

 

Nach vielen Jahren der Weiterbildung führt sie seit 2005 in Schleswig-Holstein eine Praxis für Tierheilkunde, in der sie neben der Phytotherapie auch Homöopathie, Schüßler Salze, Bachblüten und Ernährungsberatung macht sowie eine Hundeschule betreibt.

bunny-in fragt: Liebe Birte, Du bietest Phytotherapie an. Wieso gerade das? Wie bist Du darauf gekommen?
"Die Phytotherapie oder Pflanzenheilkunde ist unsere älteste Therapiemöglichkeit. Für mich ist sie der Inbegriff der Naturheilkunde. Es gibt viele verschiedene alternative Therapien, viele haben mit Naturheilkunde jedoch überhaupt nichts zu tun. Mich hat es schon immer fasziniert, welche Kräfte Heilpflanzen entwickeln können. Wir müssen auch unterscheiden zwischen den allgemein bekannten Hausmittelchen und der professionellen Phytotherapie, die sich auch mit sehr stark wirkenden Pflanzen beschäftigt. In unserer Familie waren die Anwendungen von Hausmittel der erste Weg bei einer Erkrankung, man ging nicht gleich zum Arzt. Daraus habe ich gelernt, für meine Gesundheit selbst Verantwortung zu übernehmen. So eine Verantwortung auch für die Tiere zu übernehmen, erst für die eigenen und schließlich auch für fremde, waren der Ausgangspunkt für meine Ausbildung."

Doch wie genau muss man sich die „Heilpflanzentherapie“ vorstellen? Wird hier nur mit getrockneten Kräutern gearbeitet und wie wird es verabreicht?
"Nein, nicht nur getrocknete Pflanzenteile kommen zum Einsatz. Es gibt viele verschiedene Anwendungsmöglichkeiten. Das kann die frische oder getrocknete Pflanze als Tee sein, das kann der Frischpflanzensaft sein, der ausgepresst wurde, das können alkoholische Auszüge wie Tinkturen sein, aber es gibt auch viele Phytotherapeutika in Formen von Salben und Cremes. Manche kann man innerlich und äußerlich anwenden, manche sollte man wegen ihrer Giftigkeit nur äußerlich anwenden, manche entfalten ihre Wirksamkeit am besten innerlich. Wurzelstücke und Rinde muss man anders verarbeiten als oberirdisches Kraut, man muss versuchen die Wirkstoffe heraus zu lösen. Dafür eignen sich zum Beispiel Abkochungen oder Kaltauszüge. Äußerlich werden Wickel und Einreibungen eingesetzt."

Kann man es parallel zur Schulmedizin anwenden oder stören sich diese beiden Therapieformen?
"Im Prinzip können schulmedizinische Arzneimittel und Heilpflanzentherapie parallel angewendet werden. Man sollte sich aber unbedingt mit seinem Therapeuten absprechen, es gibt verschiedene Wechselwirkungen, die man kennen muss und manche Heilpflanzen können evtl. ein schulmedizinisches Arzneimittel abschwächen oder gar unwirksam machen."

Gibt es eine spezielle Tierart, die besser auf diese Therapieform anspricht und natürlich interessiert es die Leser des bunny-in besonders, wie Kaninchen darauf ansprechen.
"Pferde sprechen sehr gut auf die Phytotherapie an, als Pflanzenfresser machen sie auch die wenigsten Probleme bei der Aufnahme über das Futter. Sie lieben bitter und nehmen viele Heilkräuter ohne Probleme. Hunde sind auch eher unproblematisch, Katzen sind dagegen oftmals sehr schwierige Patienten. Sie rühren ihr Futter häufig nicht an, wenn es anders riecht als sonst. Aber wir haben auch schon entdeckt, dass Katzen bei Krankheit durchaus auch über das Wasser bestimmte Phytotherapeutika aufnehmen, wenn sie sie brauchen. Kaninchen sind als Pflanzenfresser auch genügsame Patienten, allerdings auch nur solange es ihnen schmeckt."

In der Schulmedizin wird bei einer bestimmten Krankheit zu einem bestimmten Medikament gegriffen. Viele Bücher zu alternativen Therapieformen leben genau dieses ebenso vor. Kann man bei der Heilpflanzenkunde sagen, nehme Kraut x bei Krankheit y? Oder wie wird hier verfahren?
"Natürlich hat schon jedes Kraut seine Anwendungsgebiete, aber man kann es sich nicht so einfach machen, man nehme bei Husten ein bestimmtes Kraut. Es gibt ja, um beim Beispiel Husten zu bleiben, viele verschiedene Husten-Kräuter, aber ihre Wirkung ist jedesmal etwas anders. Die einen lösen Schleim, die anderen lindern Hustenreiz, dann gibt es welche, die speziell gegen Bakterien und Viren wirken. Einige ergänzen sich gut, andere behindern sich in der Anwendung. Wie viele Therapien ist auch die Heilpflanzenkunde sehr umfangreich. Trotzdem unterdrückt man mit Heilpflanzen nicht einfach eine Erkrankung wie man es doch immer mal liest, sondern man unterstützt den Körper in seiner Heilung. So ist der Husten an sich positiv zu beurteilen, denn der Körper versucht etwas los zu werden, was da vielleicht nicht hin gehört. Mit Heilpflanzen kann ich helfen, den Schleim zu verflüssigen, damit er besser abgehustet werden kann. Ich unterdrücke aber nicht den Husten."

Sammelst Du die Kräuter dann selbst oder woher beziehst Du die Kräuter?
"Für den eigenen Gebrauch sammle ich gern Kräuter und ich habe auch eine Menge verschiedene Heilpflanzen im eigenen Garten. Bei meinen fremden Patienten darf ich solche Kräuter jedoch nicht anwenden. Das Herstellen von Heilkräutern ist nur den Apotheken oder Firmen gestattet, die einen Apotheker beschäftigen. Inhaltstoffe müssen überprüft und nachgewiesen werden. Ich beziehe Kräuter über einen Großhandel, der auch ein großes Sortiment an biologisch angebauten Heilkräutern vertreibt. Kleinere Mengen kann sich der Tierhalter aber auch in der Apotheke besorgen, dafür stelle ich dann ein Rezept aus. Auch Fertigarzneimittel, z.B. Tinkturen bekommt der Tierhalter in der Apotheke."
 

Natürlich interessiert es jeden Tierhalter, der einen tierischen Patienten zuhause pflegt, ob es in dieser Therapieform auch gewisse Grenzen gibt, wo man mit Kräutern nicht weiterkommt?
„Ja, natürlich. Aber das ist bei jeder Therapie so. Und viele wichtige Heilkräuter sind sogar verschreibungspflichtig. Wegen ihrer Giftigkeit dürfen sie dann auch nur vom Arzt verordnet werden. Als Tierheilpraktiker muss ich insgesamt meine Grenzen kennen. Am besten man arbeitet mit Tierärzten Hand in Hand. Oftmals kann die Diagnose besser in einer Tierarztpraxis gestellt werden. Aber gerade bei chronischen Erkrankungen kann die Phytotherapie den durchschlagenden Erfolg bringen, wenn sie begleitend eingesetzt wird. Und bei vielen kleinen Alltagsproblemen sind Heilpflanzen das Mittel der Wahl.“

Kaninchenhalter fürchten immer die Verfütterung von Giftpflanzen. Wie sieht es mit Giftpflanzen in der Heilkunde aus? Ist der Stoff dann nicht mehr giftig, wenn das getrocknete Kraut verabreicht wird?
"Viele Giftstoffe gehen bei der Fermentierung verloren. Fermentierung ist die Erhitzungszeit des Heus nach Einlagerung. Das Heu macht dann einen Prozess durch, wo es sich stark erwärmt. Manchmal so stark, dass sogar ein Heuboden abbrennt. Durch diese Erwärmung gehen die Giftstoffe kaputt. Leider aber nicht alle. Das Jakobskreuzkraut ist z.B. ein sehr gefährliches Kraut, welches dadurch leider nicht ungiftig wird. Es ist also gut, wenn der Lieferant des Kaninchenfutters weiß woher sein Heu stammt und es kontrollieren kann."

Gut, dass Du das Jakobskreuzkraut ansprichst, denn es geistert momentan als Schreckensgespenst durch viele Tierhalterforen! Was denkst Du darüber? Ist es wirklich eine so große Gefahr geworden?
"Ja, es wird tatsächlich mehr. Man sieht es immer häufiger. Allerdings nicht auf regelmäßig gemähten Flächen. Das Jakobskreuzkraut ist eine zweijährige Pflanze, das heißt sie blüht erst nach zwei Jahren und kann sich entsprechend nur vermehren, wenn sie zwei Jahre Ruhe hat. Abgemähte Wiesen bieten ihr das nicht. Aber auf Pferdeweiden findet man immer mal eine Ecke, wo es sich durchsetzt. Wer selber Kräuter für seine Kaninchen sammelt, sollte sich unbedingt genau anschauen, wie das Jakobskreuzkraut aussieht. Vor allem auch wie die Pflanzen im ersten Sommer aussieht, denn dann ist sie nur unscheinbar grün."
Das ist natürlich ein kleiner Lichtblick, den Du bzgl. dieses Krauts hier beschreibst.
 

Gibt es kleine Ratschläge, die Du unseren Lesern mitgeben könntest – quasi immer Kraut x zuhause zu haben, da es bei dem Wehwehchen y stets gute Erste-Hilfe leistet?
"Kaninchenhalter sollten auf alle Fälle Kümmel im Haus haben. Kümmel hilft bei aufgeblähten Bäuchen und ist dagegen ein gutes Mittel. Ringelblumen (Calendula) -Tinktur für kleine Wunden und Augentrost (Euphrasia) für leichte Bindehautentzündungen. Sobald sich der Tierhalter jedoch unsicher ist, an was für einer Erkrankung sein Tier leiden könnte, sollte ein fachkundiger Therapeut aufgesucht werden."

bunny-in Teammitglied Sonja hat einmal eine Kräuterwanderung mitgemacht, die eine Volkshochschule angebot. Das war sehr informativ, auch wenn viele Pflanzen natürlich durch die jahrelange Kaninchenhaltung schon bekannt waren.
Bietest Du auch Kurse an oder Kräuterwanderungen, um Heilpflanzen näher kennenzulernen?
"Ja, auf unserem Hof in Schleswig-Holstein biete ich Seminare zum Thema Heilpflanzen bei Tieren an. Auch Kräuterwanderungen unternehmen wir, um die Pflanzen in der Natur kennen zu lernen. Auf meiner Homepage www.pferdekrauterhexe.de werden die Seminare bekannt gegeben."

Gerade Literatur über Pflanzen ist bei Kaninchenhaltern sehr gefragt. Birte hat uns noch folgende Literaturtipps gegeben:
 
 

  • Der neue Kosmos-Heilpflanzenführer. Über 600 Heil- und Giftpflanzen Europas von Ingrid Schönfelder und Peter Schönfelder (vsl. Anfang 2010 erscheint eine Neuauflage)
  • Taschenatlas Giftpflanzen: 170 Wild- und Zierpflanzen im Porträt von Burkhard Bohne und Peter Dietze

Liebe Birte, uns hat das Interview sehr viel Freude bereitet. Es ist ein sehr großes Themengebiet, über das man natürlich noch viel viel mehr erzählen könnte. Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast und uns zudem mit Fotomaterial für die bildliche Untermalung des Berichts zur Verfügung gestellt hast. Wir wünschen Dir und Deiner Berufung, sowie Deinen Tieren und Tierpatienten von Herzen alles Gute!

 

Zurück